Eine kleine Ohrensesselgeschichte
Als Melanies Opa von seinem geliebten Ohrensessel sprach, dachte das kleine vierjährige Mädchen, das müsse ein großer Sessel mit zwei riesigen Elefantenohren sein und mit Augen aus Knöpfen. Diese Vorstellung fand sie so komisch, dass sie immer lachte, wenn Opa davon erzählte. Melanie wuchs heran und hatte immer noch die Vorstellung von ihrem „Ohrensessel“ vor Augen. Eines Tages suchte sie einen Antiquitätenladen auf und sah einen wunderschönen Polstersessel, exzellent verarbeitet, mit samtenem Polster und vielen edlen Knöpfen, dessen Lehne hoch nach oben ging und an beiden oberen Lehnenseiten zwei kleinere Auswölbungen nach außen besaß. Sie setzte sich in den Sessel, nahm eine bequeme Haltung ein, ließ ihren Kopf nach rechts oder nach links sinken und wurde vom Sessel immer sanft gestützt. So einen bequemen Sessel hatte sie ja noch nie gehabt. Sie fragte den freundlichen Verkäufer, was das für ein wunderbarer, komfortabler Sessel sei, auf dem man so weich sitzen könne und immer aufgefangen würde, egal, wohin der Kopf falle. Der Verkäufer sagte, dass das ein Ohrensessel sei. „Ein Ohrensessel?“ fragte Melanie, „ich dachte immer, der müsse zwei riesige Ohren wie ein Elefant haben.“ Beide lachten. Er sagte zu ihr: „Den nennt man Ohrensessel, weil deine Ohren hierin immer geschützt sind vor allem, was die Welt Schlechtes zu bieten hat. Du hörst nur das, was gut ist, oder was du hören willst. Alles andere wird von dem Ohrensessel von dir ferngehalten.“ Dabei zwinkerte er ihr zu. Melanie gefiel dies. Heute hat sie einen Ohrensessel im Wohnzimmer stehen. Und wann immer Melanie einmal Ärger hat, setzt sie sich in ihren Ohrensessel und lässt nur noch das in ihre Ohren rein, was gut tut und liebevoll ist. Der Verkäufer hatte ja so recht…
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